| | | In einem Grayhound-Bus von New York nach Boston ging es hoch her. Eine sehr kreative Fahrerin lotste den Bus mit mehr Passagieren als Sitzplaetzen durch die Untiefen des Feiertagsbetriebes. Fuer eine Strecke, die mit dem Auto in zweieinhalb Stunden zurueckzulegen ist, brauchte dieser graue Hund sieben.
Nach jedem der acht Zwischenstopps gab die Fahrerin Anweisungen zum reibungslosen Miteinander auf engem Raum: “Bitte schalten Sie die Klingeltoene Ihrer Handys aus. Wenn Sie sprechen, tun Sie dies bitte leise und wenn Sie etwas zu jemandem sagen, versichern Sie sich, dass es etwas Freundliches ist. Sollten Sie Musik hoeren, tun Sie dies nur zu Ihrem eigenen Vergnuegen. Ich danke fuer den Respekt, den Sie Ihren Mitfahrenden und mir entgegen bringen.” Es hat gewirkt: Die Fahrt war unterhaltend lang und die Passagiere redeten miteinander tatsaechlich so, als saessen sie in einer oeffentlichen Bibliothek.
In einem Vorortszug von Boston nach Swampscott erlebte ich hingegen den reinsten Kontrast. Die Waggons waren voll und sechzig Prozent der Mitreisenden waren Kinder. Ich fuehlte mich wie auf einer ausgelassenen Studentenparty, wobei die Passagiere die uebliche Partymusik durch lautstarke Unterhaltung wett machten. Wurden Kinder von ihren Eltern ermahnt, dann betraf das den Umgangston untereinander, niemals die Lautstaerke, in der sie sich unterhielten.
Jeden Morgen schwoeren Amerikanische Schulkinder nicht nur auf die Amerikanische Flagge, auf Unteilbarkeit des Staates und Freiheit und Gerechtigkeit fuer alle sondern auch auf ein Verhaltenscodex, dass eine fried- und respektvolle Gemeinschaft schaffen soll.
Die Quintessenz Amerikanischer Manieren ist der respektvolle Umgang miteinander. Kleiderordnung und Tischmanieren spielen keine Rolle. In der Bostoner Oper sah ich nicht nur High Heels sondern auch Pantoffeln. Aufrichtiges Sitzen am Esstisch ist mir kaum unter die Augen gekommen.
Miss Conduct schreibt im Boston Globe, dass die Richtlinien fuer Manieren in einer multikulturellen Gesellschaft immer komplexer werden. In den 50er Jahren galt die Etikette fuer eine christliche Mehrheit, die klare Vorstellung von falsch und richtig hatte. Heut zu Tage koenne man nicht erwarten, dass jeder die “ins and outs” dieser kulturellen Tradition kenne. Bostoner seien bekannt fuer ihre Tolerenz und grauenhafte Autofahrer.
Damit es Eltern mit ihren Kindern im Expresso Royal in Boston nicht zu bunt treiben, werden sie an ihre Aufsichtspflicht folgendermassen erinnert: “Unbeaufsichtigten Kindern wird in diesem Café gratis ein Expresso und ein Welpen kredenzt.” Das koennte heiter werden.
Kommen Sie gut ins Jahr 2008!
Aus Boston
Ihre
Dorothee
Illustration Christina Pfeiffer
| Dorothees Glosse aus Boston | |